Titelbild Juliane Thamm Explorers & Creators Podcast

Interview mit Juliane Thamm

Berge – Die Herausforderung sich selbst zu begegnen

Juliane Thamm ist der Mountain Mentor. Sie Begleitet Personen oder Gruppen durch die Allgäuer oder andere Berge und Herausforderungen. Sie kommt aus dem Bereich Biologie und Abwasser-Ingenieurwesen und war Leiterin einer großen Kläranlage, was lange Zeit ihr Berufstraum war. Jetzt hat sie einen neuen Weg eingeschlagen und genießt es draußen zu sein, sei es beim Bergwandern, Paddeln oder Radfahren, alleine oder eben mit lieben Menschen. Sie Liebt Tiere und die Natur und dokumentiert ihre Erlebnisse auch als Fotografin. Ihr Motto ist „Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt“.

Holger: Liebe Juliane, herzlich willkommen hier beim Explorers and Creatros Podcast, der Mindset-Podcast für Menschen, die lieber machen, statt bloß zu labern. Du hast einen sehr spannenden Werdegang eingeschlagen und du hast bis vor kurzem noch in einer Kläranlage gearbeitet. Wie kommst du zu einer Kläranlage?

Juliane: Mein Interesse für das Abwasseringenieurwesen kommt auch von der Begeisterung für die Natur, eine Kläranlage ist ja ein biologisches System, das Herzstück ist Biochemie, und in der zwölften Klasse waren wir mit dem Bio-Leistungskurs in einer Kläranlage, ich hab durch das Mikroskop die Bakterien gesehen und hab gesagt, das will ich mal machen. Im Studium habe ich dann als Schwerpunkt Wasser und Abwasser genommen und dann kam eins zum anderen und bis 2019 habe ich eine große Kläranlage geleitet.

Für mich war die größte Herausforderung zu realisieren, dass ich einfach nur los muss.

Holger: Mein erstes Buch war Kon-Tiki und ich habe erfahren, dass dein Boot, mit dem du den Bodensee umrundet hast, auch Kon-Tiki heißt. Erzähl uns doch bitte diese Geschichte, wie du mit dem Faltboot um den Bodensee gepaddelt bist. Das war im Jahr 2013 deine erste große Alleintour. Was waren deine Herausforderungen?

Juliane: Das war das erste Mal, dass ich mich alleine aufgemacht habe, irgendetwas zu tun da draußen. Heute würde ich es gar nicht mehr als allzu großes Abenteuer bezeichnen, aber damals war es das tatsächlich, das kommt natürlich immer auf den Standpunkt an, den man einnimmt. Für mich war die größte Herausforderung zu realisieren, dass ich einfach nur los muss. Ich hab schon oft vorher Ideen gehabt, was man machen könnte, Bücher gelesen, Filme geschaut und mich inspirieren lassen, und dann den Eindruck gewonnen, das machen immer nur die anderen. Und ich hab realisiert, dass ich eigentlich alles habe, was ich brauch, um einfach nur loszufahren. Ich habe ein Auto, ich hab ein Boot, ich hab ein Zelt, ich weiß wie es geht, ich kann paddeln, ich kann Auto fahren, es ist in Deutschland, ich spreche die Sprache, ich kann jederzeit zurück und ich brauch einfach nur ein bisschen Mut und ich kann los. Das war für mich eigentlich die größte Herausforderung. Und ich hab dann beschlossen, ich mach das jetzt einfach mal. Der Bodensee bietet zudem auch die optimalen Rahmenbedingungen, es gibt eine Bahnlinie, es gibt eine Buslinie, wenn irgendetwas schief geht, fahr ich einfach wieder zurück, alles sicher alles save, ich probiere das jetzt einfach mal. Damit war das Schlimmste schon fast geschafft. Viele Dinge, wie Gaskocher anschmeißen, Zelt aufschlagen, hatte ich alles schonmal gemacht und diese Puzzleteile des ‚schonmal-gemacht-habens‘, habe ich dann zusammengesetzt und bin einfach los. Und das war eigentlich die größte Hürde, den Mut aufzubringen und den ersten Schritt zu tun. Danach ging alles ganz einfach.

Es was eine echte Grenzerfahrung sowohl mental als auch körperlich

Holger: Gab es irgendwann mal einen Punkt, wo du an deine Grenzen kamst?

Juliane: Ja, klar. Ich wusste, dass der zweite Tag ein Regentag sein würde. Und ich wusste auch, wenn man schon mal unterwegs ist und es regnet ist das nicht so schlimm, als wenn man zu Hause sitzt und bei Regen vor die Tür gehen soll. Also bin ich schon früher im Trockenen aufgebrochen. Dann ging es damit los, dass der Campingplatz, den ich mir ausgesucht hatte, noch geschlossen war. Hmm, ok, was mach ich jetzt?! Ich durfte dann aber doch noch bleiben, weil der Hausmeister mir aufgeschlossen hat und das lief dann schonmal ganz gut. Ich habe dann diesen Regentag erstmal im Zelt abgewettert, und Regen im Zelt bei 10°C ist, wie du vielleicht weißt ungemütlich, aber es ging.

Richtig herausfordernd war es in den letzten Tagen. Ich wollte die Runde ursprünglich komplett abschließen, also dort aus dem See austeigen, wo ich auch gestartet war. Doch dann kam plötzlich ein heftiger Fönsturm. Am Bodensee gibt es Wetterleuchten, die einen vor Unwetter warnen. Und ich hatte schon gesehen, ok es warnt, aber das Wasser war noch relativ glatt. Also bin ich immer weitergefahren und fahre so um eine Ecke rum, und auf einmal, zack, Welle da, Wind da und ich wusste erstmal nicht was ich machen sollte. Es hat mir von jetzt auf gleich richtig viel Kraft gekostet und ich habe richtig gemerkt, ich muss jetzt irgendetwas was machen, ich muss aus dem Wasser raus. Das war aber mitten im Naturschutzgebiet, und ansonsten war dort nichts, keine Straße und nichts und ich bin quasi dort notgelandet, bevor es mich umhaut mit meinem Faltboot und saß dann mitten im Naturschutzgebiet auf einem kleinen Sandstreifen, und fragte mich, shit, was mache ich jetzt. Und dort habe ich dann tatsächlich vier oder sechs Stunden gesessen und gewartet, dass die Wellen wieder etwas niedriger werden würden. Gleichzeitig habe ich auch, mit meinem deutschen Denken gehofft, dass mich im Naturschutzgebiet niemand erwischt. Wobei das wahrscheinlich das geringste Problem gewesen wäre. Auf jeden Fall habe ich mich sehr unwohl gefühlt und mich nicht getraut ins Wasser zu steigen, um weiter zu fahren. Als es sich dann ansatzweise etwas entspannt hatte, bin ich dann weitergefahren, aber es war immer noch voll anstrengend, bin dann an einem Campingplatz raus und hab am nächsten Tag das Auto nachgeholt und habe dann auch gemerkt, wie ich körperlich total erschöpft war. Ich habe dann realisiert, dass es da wirklich eine Grenze gibt. Ich bin nicht unbesiegbar, und Bedingungen können sich total schnelle ändern von spiegelglatter See-Oberfläche bis hin zu, shit, ich weiß gar nicht, wie ich ans Ufer kommen soll.

Es ist alles gut gegangen aber es was eine echte Grenzerfahrung sowohl mental als auch körperlich.

Ich wollte nicht mehr morgens von 8:00 bis abends im Büro sitzen und danach die Freizeitgestaltung in der Natur machen, sondern die Natur sollte ein essentieller Bestandteil werden.

Holger: Heute bist du als Reiseleiterin, bzw. Mountain-Guide tätig, machst du mehrtägige Touren durch die Berge, auch im Himalaya. Was berührt dich an deiner Arbeit in den Bergen mit den Menschen?

Juliane: Ich feiere jeden Tag, dass ich so viel draußen sein kann, dass ich so viel unterwegs bin. Das war das, was ich mir so sehr gewünscht habe, weshalb ich auch den beruflichen Wechsel vollzogen habe. Ich wollte nicht mehr morgens von 8:00 bis abends im Büro sitzen und danach die Freizeitgestaltung in der Natur machen, sondern die Natur sollte ein essentieller Bestandteil werden.

Ja, und genau das mache ich jetzt, mit allen für und wider, mit Hitze, mit Kälte, mit Regen, mit tollen Sonnenauf- und untegängen, mit morgens früh aufstehen, mit sonntags durcharbeiten. Aber genau das ist es, was mich unheimlich erfüllt, das draußen sein, die Natur in all ihren Facetten und in all ihren Jahreszeiten zu entdecken. Wenn ich mit Reisegruppen unterwegs bin, ist es total spannend, was die einzelnen Menschen zu erzählen haben, auch wie sie so drauf sind, wie jeder Mensch anders und einzigartig ist. Vor allem ist es total spannend zu sehen, wie Menschen reagieren, wenn sie an ihre Grenzen kommen. Daher kommt auch meine Spezialisierung auf das Mountain Mentoring und Menschen dabei zu helfen über sich hinaus zu wachsen, denn das geht in den Bergen sehr gut. Man kann seine Grenzen kennenlernen, aber auch sehen, wozu man fähig ist.

Faktoren wie Wissen, Erfahrung, Ausrüstung, Mindset, gutes Gefühl für die selbst, die spielen da alle mit rein

Holger: Wie kann ich denn herausfinden, wo meine Grenze liegt, bzw. wann überschreitet ich meine Grenze und es ist besser zu sagen, an diesem Punkt drehe ich besser um?

Juliane: Es ist schwierig das in der Kürze zu beantworten und gehört ganz klar zum Risikomanagement. Es gibt den sogenannten Point of no Return, den muss man vorher für sich festlegen und ist in Nepal woanders, als wenn ich im Allgäu auf einen kleinen Vorhügel gehe und wo es eine funktionierende Infrastruktur gibt. Um die persönlichen Grenzen auszutesten würde ich immer in einem safen Bereich, wo klar ist, dass das Ganze nicht eskaliert, wen was schief geht und wo ich eine Chance habe gerettet zu werden und wo ich spüre, wo meine Grenze ist. Oft ist es so, dass ein Zusammenspiel vieler Faktoren das Ganze erst gefährlich macht. Wenn du zum Beispiel wissen willst, wie deine maximale körperliche Leistungsfähigkeit ist, dann kannst du in ein Fitnessstudio auf einem Laufband laufen bis du umfällst und dir kann trotzdem nichts passieren, du bist quasi safe, weil du dich in einem geschützten Rahmen aufhältst. Wenn du das ganze aber im Winter in den Bergen machst, kann aus einem Spiel ganz schnell lebensgefährlicher Ernst werden, weil Faktoren hinzukommen, mit denen du vorher nicht gerechnet hast. Z.B. dein Kocher vereist und du kannst dir nichts zu trinken machen, das hast du vorher nicht bedacht. Und dieses Zusammenspiel von Faktoren ist das was es in der Natur so viel interessanter und riskanter macht. Deshalb finde ich es schwierig seine körperlichen Grenzen alleine zu testen, denn die ganzen anderen Faktoren wie Wissen, Erfahrung, Ausrüstung, Mindset, gutes Gefühl für die selbst, die spielen da alle mit rein.

Das Allerwichtigste ist Selbstreflektion und Demut. Demut den Bergen gegenüber und der Natur gegenüber, denn denen ist es völlig egal ob du da draußen rumläufst, oder nicht

Holger: Was ist deiner Ansicht nach die größte innere Herausforderung, wenn ich in die Berge gehe? Und wie kann ich mich innerlich, mental auf die Berge vorbereiten?

Juliane: Das Allerwichtigste ist Selbstreflektion und Demut. Demut den Bergen gegenüber und der Natur gegenüber, denn denen ist es völlig egal ob du da draußen rumläufst, oder nicht. Und sie sind auch gnadenlos. Nicht umsonst haben die buddhistischen Länder eine spirituelle Verbindung zu ihren Bergen und stimmen die Götter wohlgesonnen, weil wir im Vergleich zu den Kräften, die dort walten miniklein sind. Das ist einfach eine Landschaft, wo der Mensch nichts verloren hat, wir können nichts regeln oder beeinflussen, wir haben uns dort unterzuordnen. Und das meine ich mit dem Wort Demut, sich dessen bewusst zu sein, also einen großen Respekt zu haben. Weil es letztendlich ein Geschenk ist dort unterwegs sein zu dürfen. Und Selbstreflektion finde ich ebenso extrem wichtig, sowohl in der Vorbereitung als auch da draußen und gegebenenfalls zu sagen, ok, heute passt was nicht, ich drehe um, egal ob ich mein Ziel erreicht habe oder nicht. Der größte Sieg ist oft zu erkennen, heute geht es nicht, weil ich vielleicht krank bin, es mir nicht so gut geht, ich mich überschätzt habe, oder das Wetter schlecht ist. Was auch immer es ist, ich dreh um. Hans Kammerlander hat einmal gesagt, „ein Berg gehört dir erst, wenn du wieder heil zu Hause bist, vorher gehörst du dem Berg.“

„Ein Berg gehört dir erst, wenn du wieder heil zu Hause bist, vorher gehörst du dem Berg.“

Hans Kammerlander

Holger: Wie verändert man sich auf dem Berg, wenn man allein unterwegs ist. Inwiefern hat sich dein Weltbild verändert?

Juliane: Das ist schwierig zu sagen, weil ich seit über zwanzig Jahren in die Berge gehe. Als ich angefangen habe, habe ich mir noch nicht so viele Gedanken über mein Weltbild gemacht. Was ich aber gemerkt habe, ist, dass alles was im Tal vermeintlich eine Rolle spielt, Geld, Status, Ansehen, Titel, das ist alles egal da draußen und alle sind gleich und haben die gleichen Rahmenbedingungen. Das ist etwas, was ich im Tal vermisse.

stundenlang einfach zu gehen, egal ob es schwierige oder leichte Berge sind, einfach nur zu gehen, sich gleichförmig rhythmisch zu bewegen, das macht etwas mit einem

Holger: Ich stelle auch immer wieder die Entfremdung fest. Früher waren wir noch viel naturverbundener, heute ist alles so viel schnelllebiger geworden, dass uns diese Verbindung zur Natur und zum Ursprung verloren gegangen ist.

Juliane: Ja. Und stundenlang einfach zu gehen, egal ob es schwierige oder leichte Berge sind, einfach nur zu gehen, sich gleichförmig rhythmisch zu bewegen, das macht etwas mit einem. Da kommen Gedanken hoch, mit denen ich am Anfang auch nicht gerechnet habe. Als ich das erste Mal bei einer Alpenüberquerung fünf Tage alleine in den Bergen war, da bin ich zwar anderen Menschen begegnet und habe auch mit ihnen Smalltalk geredet, aber ich war viele Stunden alleine unterwegs und habe völlig unterschätzt was passiert, wenn die Gedanken einfach mal Zeit haben und wenn man keine andere Aufgabe hat, als einfach nur zu essen, zu schlafen und zu gehen. Ich kann es als Therapieform jedem empfehlen, wenn man an einem Punkt steht, wo man nicht weiter weiß, und alles sehr stressig ist. Dann geh einfach raus, beweg dich zwei Stunden mal ganz alleine, und dir fallen Sachen ein, wo du nicht drauf gekommen wärst. Es löst sich alles ein bisschen. Ich finde das ist eine sehr gute Möglichkeit, um einfach mal runter zukommen, aber genauso auch Inspiration zu finden und sich mit sich selbst zu verbinden.

Wenn es etwas ekelhafte Strecken zum Hochgehen oder zum Runtergehen sind, dann muss man sich einfach mal ein bisschen hinauf meditieren. Es hilft nichts, man muss einfach einen Schritt vor den anderen setzen und irgendwann ist man oben.

Holger: Also siehst du das als eine Art Meditation.

Juliane: Ja, ich habe auch den Begriff ein wenig geprägt, wenn es etwas ekelhafte Strecken zum Hochgehen oder zum Runtergehen sind, dann muss man sich einfach mal ein bisschen hinauf meditieren. Es hilft nichts, man muss einfach einen Schritt vor den anderen setzen und irgendwann ist man oben.

Juliane liest gerade 'Roar – how to match your food and fitness to your female physiology'.

Ihre Buchempfehlung ist das Buch ‘Du bist der Hammer‘ von Jen Sincero, weil es ein ganz sanfter und witziger Einstieg in Persönlichkeitsentwicklung ist.

Wenn du mehr über Juliane Thamm erfahren möchtest, dann besuche sie auf ihren Social Media-Kanälen, auf Upspeak, oder auf ihrer Website https://julianethamm.de

Du kannst Juliane als Touren-Guide individuell buchen über die E-Mail Adresse office@julianethamm.de

Im Auftrag von Wikingerreisen führt Juliane eine Silvester-Bergtour an. Diese kannst du über die Seite https://www.wikinger-reisen.de/rl/thamm_juliane.php buchen.

 

 

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Ich freue mich riesig, dass du heute eingeschaltet hast und wünsche dir alles Gute auf deinem Weg!

Und denk dran immer das Beste zu manifestieren, was du dir für dich wünschst!

Rock das Leben!

Holger

 

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